Architektur/Anatomie der Schrift und deren Nomenklatur
Eine Darstellung der wichtigsten Fachbegriffe
Linda Nienhaus und Anna Neumann (Lektorat und Bildgebung)
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DAS LINIENSYSTEM: Buchstaben lassen sich in ein Liniensystem einordnen. Dieses ist vergleichbar mit dem Liniensystem bei Musiknoten.
¶ Die Mittellänge (x-Linie)
ist die von der Grundlinie aus gemessene, normale Höhe der Kleinbuchstaben.
¶ Oberlängen
sind die Bereiche der Kleinbuchstaben, die die Mittellinie nach oben überschreiten.
Die k-Linie begrenzt die Oberlängen der Kleinbuchstaben bei Renaissance-Antiquas
(Überhang).
¶ Die Unterlänge (p-Linie)
beschreibt die Bereiche der Kleinbuchstaben, die die Grundlinie nach unten
unterschreiten.
¶ Die Versalhöhe (H-Linie)
berechnet sich durch die Höhe der Großbuchstaben.
¶ Minuskeln: Sind Gemeine (=Kleinbuchstaben)
Sie passen in das so genannte Vierlinienschema. In diesem Schema können
die Minuskeln eine Oberlänge (z.B. h, k) oder auch eine Unterlänge
besitzen (z.B. g, j). Die lateinische Wort Minuskel ist von „minusculus“
abgeleitet, was so viel bedeutet wie „ehr klein, gewöhnlich, häufig
vorkommend, verbreitet, einfach, normal oder nieder“.
¶ Die Majuskeln bilden den Gegensatz.
Sie werden auch als Versalien (=Großbuchstaben) bezeichnet und beschränken
sich vorwiegend auf ein Zweilinienschema. Im Lateinischen bedeutet „majusculus“
soviel wie „etwas größer“.
Der wesentliche Unterschied zwischen Gemeinen und Versalien besteht also darin,
dass Gemeine sowohl Ober- als auch Unterlängen besitzen.
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Weitere Schriftdetails. |
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¶ Die Strichstärke
ist ein Begriff der sich auf die Linien bezieht, aus denen einzelnen Buchstaben
einer Schriftart aufgebaut sind. Schriftfamilien sind in der Regel in verschiedenen
Strichstärken ausgebaut, z.B. leicht, normal, fett, extrafett etc.
Die Änderung der Strichstärke/-führung während des Schreibens bestimmt die Charaktereigenschaft eines Buchstabens (=Duktus; von lateinisch ductus: das Ziehen oder Führen). In der Kalligrafie entsteht dies durch die Verwendung von Schreibfedern und deren Haltung (z.B. Schrägstellung).
Es gibt sowohl Schriftarten, bei denen die Strichstärke der Linien eher konstant ist (> Grotesk- und viele Egyptienneschriften) als auch Schriftarten mit variabeler Strichstärke (> Antiquaschriften). Hier unterscheidet man zwischen dem Haarstrich, der sich auf die feineren Linien in den Buchstabenformen bezieht und dem Grundstrich, der die kräftigeren Linien bezeichnet.
Wechselnde Strichstärken sind besonders in den Achsen bzw. Rundungen einzelner Buchstaben gut sichtbar. Verbindet man hier die Stellen mit der geringsten Strichstärke durch eine Linie, erhält man die
¶ Neigungsachse bzw. Schattenachse.
Bei der Schriftklassifikation ist die Schattenachse ein wichtiges Kriterium,
da sie ein typisches Merkmal verschiedener Schriftepochen (frühen Antiquaschriften)
darstellt.
Da sich die Typografie, insbesondere zu Beginn des Buchdruckes mit beweglichen Lettern stark an den handgeschrieben Formen der Buchstaben orientiert hatte, wurde diese Eigenheit des Strichstärkenkontrastes von Beginn an bei dem Entwurf der Satzschriftarten nachgeahmt. Bei Frakturschriften und vielen Dekorschriften (Klassizistische Antiqua; Scriptfonts) ist die Betonung des Kontrastes ein formgebendes Stilmittel.
¶ Als Serife
bezeichnet man die „Füßchen“ von Antiqua- und Egyptienne-Schriften,
die einen Buchstaben am Ende, quer zu seiner Grundrichtung abschließen.
Diese Endstriche gibt es in verschiedenen Formen und Ausführungen je
nach Schriftart.
¶ Nicht zu verwechseln mit dem Ab- bzw. Anstrich und
dem Tropfen.
Der Abstrich ist der verjüngte Abschluss eines nach unten gezogenen Striches.
Hierbei wird die Feder am Strichende mit einer leichten Drehung nach oben
vom Papier genommen. Der Ansatz zum Strich, an den keine Serife ansetzt, bezeichnet
den Anstrich. Der Tropfen hingegen bildet sich häufig im Bogen des a,
c, f, g, r, j und y.
¶ Punzen
sind die ausgesparten Innenflächen eines Buchstaben. Man unterscheidet
geschlossene Punzen mit völlig umschlossenen Innenflächen der Buchstaben
(a, b, d, e, g, o, p, q). und einseitig offene Punzen (h, m, n, u). Die Punzenbreite
des Kleinbuchstabens „n“ dient als Anhaltspunkt für den optimalen
Wortzwischenraum.
¶ Schriftgröße
allgemein als Schriftgrad bzw. Buchstabengröße bezeichnet; im Schriftsatzes
auch Kegelgröße genannt; mit Hilfe des Typometers lassen sich die
in Punkt anzugebende Größen feststellen.
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Alle satztechnischen Begriffe stammen vom Bleisatz, und sind auch im Fotosatz und im Digitalsatz relevant.
Der Handsetzer nimmt die einzelnen Buchstaben manuell aus dem Setzkasten und sammelt sie in einem Winkelhacken. Diese werden danach Zeile für Zeile ins Schiff abgelegt.
Er arbeitet mit zwei verschiedenen Elementen: den druckenden und nichtdruckenden
Teilen. Die nichtdruckenden Teile bezeichnet der Setzer als Blindmaterial.
Das Blindmaterial ist niedriger als die Schrift und hat die Aufgabe, alle
nichtdruckenden Teile des Satzes zu regulieren bzw. zu füllen (vergleichbar
mit einem Stempel, der die Farbe spiegelverkehrt auf bzw. in das Papier druckt).
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Zum Blindmaterial gehören: der Ausschluss und der Durchschuss. Mit dem Ausschluss wird sowohl der Buchstabenabstand als auch der Wortzwischenraum reguliert. Außerdem dient er zum Auffüllen einer Zeile, damit alle gesetzten Zeilen eine gemeinsame Breite erreichen. Mit dem Durchschuss wird der Abstand von Zeile zu Zeile reguliert. Das Material zur Regulierung der Zeilenabstände nennt der Setzer Regletten.
Die Kegelhöhe bezeichnet die Höhe der Bleikegel, die die Buchstaben einer Schrift tragen. Da die Kegel etwas höher sind als die Buchstaben, ist die Kegelhöhe etwas größer als die Summe aus Ober-, Mittel- und Unterlänge. Heute ist der „Kegel“ ein gedachtes Rechteck, in dem alle Buchstaben einer Schrift Platz haben. Die Dickte bezeichnet die Breite des Buchstabens plus die Vor- und Nachbreite.
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[Q] Quellen dieses Artikels:
¶ »Detailtypografie – Nachschlagewerk für alle Fragen zu Schrift und Satz.« Friedrich Forssman, Ralf de Jong. Zweite, überarbeitete und erweiterte Auflage. Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2005. ISBN 3-87439-642-8
¶ www.typografie.info
¶ www.typolexikon.de
¶ www.wikipedia.de
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Externe Links
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