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Die Entwicklung der Schrift

von Tamim Swaid

Die Schrift ist aus dem Grundbedürfnis des Menschen heraus entstanden, Informationen zu fixieren und zu archivieren bzw. zu dokumentieren. Die maßgeblichen Beweggründe hierfür waren in erster Linie ökonomischen/merkantilen und magischen/religiösen Ursprungs.

Die Entwicklung der Schrift ist, wie alle anderen Errungenschaften der Menschen, eine fließende, die sich nur sehr schwer in klare Abschnitte und Epochen unterteilen lässt und keinen örtlich oder zeitlich fixierbaren Ursprung hat.

So entwickelten sich zur gleichen Zeit an unterschiedlichen Orten unterschiedliche Schriftsysteme. Die starke Verbreitung eines Schriftsystems ist in den meisten Fällen auf die Ausweitung eines Kulturkreises zurückzuführen, der sein Schriftsystem exportierte und den anderen existierenden Kulturen bewusst oder auch unbewusst diktierte.

Die formalen Fortentwicklungen der Schriftsysteme im eigenen Kulturkreis hatten oft sehr plausible Gründe wie z.B. die unterschiedliche Verwendung von Werkzeugen und Untergründen auf denen man schrieb.

 

Inhalt dieses Artikels:


Von Höhlenbild zur Schrift


Von der Schrift zum Alphabet

Die Quellen des Lateinischen Schriftsystems

Das lateinische Schriftsystem

Frühchristliche Schriften

Schriften der Romantik und Gotik 800 n. Chr.

Gebrochene Schriften

Arabische Ziffern

Humanismus

 

Von Höhlenbild zur Schrift

55 000 v. Chr.: Höhlenritzungen

Die erste und einfachste Form der Fixierung von Information war das Bild. Die ältesten bisher gefundenen Höhlenbilder werden auf 55.000 Jahre geschätzt.

Ritzungen von Bären (Kratzspuren) und Nachahmung durch Urmenschen (Höhle von Altamira, Nordspanien, 60.000 b. C.)

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30 000 v. Chr.: Höhlenbilder

Mit der Geschichte des Menschen entwickelten sich auch die Fertigkeiten. Die Bilder wurden genauer und detailgetreuer. Sie erzählen wahrscheinlich zum Teil Alltags-Geschichten wie z. B. Jagdszenen oder sie dienten zur Ausübung magisch-religiöser Rituale.

Höhle von Lascaux (Dordogne)

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Totenklage

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8000 – 3500 v.Chr:
Abstrakte Kunst (Levante Kunst)

Die Levante Kunst sind Malereien auf Stein die ausschließlich im Freien und nicht in Höhlen zu finden sind. Ihre Besonderheit ist ihre Abstraktion.

Die Malereien, die vorher nur Abbildungen des Beobachteten oder Gedachten darstellen, sind nun abstrakte Formen, die zur Dekoration benutzt werden. Die gefundenen Formen erinnern teilweise sehr stark an die Grundformen einiger lateinischen Buchstaben, was wohl eher mit dem einfachen Aufbau der lateinischen Buchstaben zusammenhängt, als mit einer historischen Verwandtschaft.

Schütze, Alpera

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Bemalte Steine der mittleren Steinzeit (Höhle von Mas d’Azil)

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Gasulla-Schlucht

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Von der Schrift zum Alphabet

4000 v. Chr – 1700 v. Chr.:
Piktogrammschriften (Bilderschriften)

Durch die Aufgabe des Nomadentums und dem Beginn der Sesshaftigkeit des Menschen veränderten sich auch dessen Lebensumstände. Es wurde vermehrt Handel betrieben und der Mensch häufte Besitztümer an. Zeichen, die diese Informationen festhalten konnten, waren im täglichen Leben von Vorteil.

So entwickelten sich wohl wahrscheinlich die ersten Schriftsysteme in Form von Piktogrammen, wie sie zuerst bei den Sumerern und später bei den Ägyptern entstanden sind. Piktogrammschriften entstanden auch an ganz anderen Orten der Welt wie z.B. in Südamerika bei den Mayas.

Lautschrift

Beide Schriftsysteme, sowohl das der Ägypter als auch das der Sumerer entwickelten sich weiter. Das ausgefeilte und ästhetische Hieroglyphensystem der Ägypter, das Anfangs nur durch die aneinander gereihten Bilder die Information vermittelte, entwickelte sich zur Lautschrift. Das System trat jedoch nicht über den Kulturkreis der Ägypter hinaus, wurde aber bis zum 3. Jahrhundert n.Chr. in Ägypten verwendet.

Die Piktogrammschrift der Sumerer entwickelte sich zur Keilschrift, die sich aber im Gegensatz zu den ägyptischen Hieroglyphen im Mittelmeerraum ausbreitete. Es ist jedoch anzumerken, das beide Schriften keine reinen Lautschriften waren, da die Vokale keine Zeichen hatten.

Hieroglyphen

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Keilschrift der Sumerer

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Die Quellen des Lateinischen Schriftsystems

1500 v. Chr. – 900 v. Chr.: Sumerer/Phönizier

Durch den regen Handel im Mittelmeerraum und den stetigen Austausch von Informationen entwickelte sich die sumerische Keilschrift zum ersten Alphabet, welches in dieser Form noch ein reines Konsonanten-Alphabet war.

Die Überlegenheit dieses Systems (welches von den Phöniziern verbreitet wurde), welches alle Laute der Sprache auf 22 Zeichen reduzierte, setzte sich durch, und verbreitete sich im semitischen Raum. Die Hebräische, Aramäische und Arabische Schrift basieren auf dem phönizischen Alphabet.

Sabata-Al-Inschrift

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Azurabal-Spachtel

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900 v. Chr.: Einführung des Alphabets in Griechenland

Das phönizische Alphabet wird in Griechenland importiert. Dem reinen Konsonantenalphabet der Phönizier werden mit der Zeit Vokale hinzugefügt. Es entsteht die erste echte Lautschrift, die in der Lage ist alle Laute der griechischen Sprache in schriftlicher Form festzuhalten.

Phönizisches Schriftstück

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ab 400 v. Chr: Griechische Capitalis

Eine in Stein gemeißelte Großbuchstabenschrift

Beispiel der griechischen Capitalis

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ab 500 v. Chr: Griechische Majuskel

Eine Großbuchstabenschrift auf Papyrus

Beispiel der griechischen Majuskel

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ab 300 v. Chr.: Griechische Unziale

Die Weiterentwicklung der Majuskel. Sie wirkt schwungvoller durch die Umwandlung vieler Geraden in Kurven.

Beispiel der griechischen Unziale

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ab 300 v. Chr.: Griechische Kursive

Eine tägliche Gebrauchsschrift mit Kleinbuchstaben. Einige der Buchstaben werden schon verbunden. Sie ist der Vorläufer der griechischen Kleinbuchstabenschrift.

900 n. Chr.: Griechische Minuskel

Eine Kleinbuchstabenschrift mit betonten Ober- und Unterlängen.

Beispiel der griechischen Minuskel

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Das lateinische Schriftsystem

600 v. Chr.: Das lateinische Alphabet der Römer

Über die Etrusker gelangt das griechische Alphabet zu den Römern. Das von ihnen hieraus entwickelte lateinische Alphabet wird zur Normschrift im römischen Reich. Die Überlegenheit, anfangs durch den römischen Imperialismus und später durch den christlichen Klerus, verdrängte andere Schriftsysteme wie z.B. die Runenschrift in Deutschland.

Die Lateinischen Buchstaben wirken durch die strengen Grundformen der Buchstaben (Quadrat, Dreieck, Kreis) klarer und konstruierter als die griechischen Vorläufer.

ab 100 n. Chr.: Capitalis Monumentalis

Eine Großbuchstabenschrift die ihre Form vor allem dem Medium Stein zu verdanken hat, wurde mit einem Flachpinsel vorgezeichnet und dann in den Stein gemeißelt. Sie ist sowohl der Vorläufer (aus ihr entwickelten sich unsere Minuskeln) als auch direkter Bestandteil der Antiqua (Majuskeln wurden übernommen).

Als schönstes Beispiel der Capitalis Monumentalis gilt die Trajanssäule aus dem Jahr 113 n. Chr.
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Römische Capitalis Monumentalis

Weiteres Beispiel der Capitalis Monumentalis
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300 – 500 n. Chr.: Capitalis Quadrata

Buchschrift der Römer. Richtet sich sehr stark an die Capitalis Monumentalis. Wurde bis zum 5. Jh. die Buchschrift profaner und klerikaler Handschriften.

Beispiel der Capitalis Quadrata
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300 n. Chr.: Capitalis Rustica

Eine schnell zu schreibende Buchschrift. Ihre Formen sind fließender.

Beispiel der Capitalis Rustica
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Römische Kursive:

Ältere (2. Jh.) und jüngere (3.Jh). Eine schnell zu schreibende Gebrauchsschrift. Die Buchstaben werden verbunden, was ein Schreiben ohne Absetzen erlaubt. Außerdem werden Ober- und Unterlängen ausgebildet.

100 n. Chr.: Ältere römische Kursive

Beispiel der älteren römischen Kursive
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200 n. Chr.: Jüngere römische Kursive

Beispiel der jüngeren römischen Kursive
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Frühchristliche Schriften

Unizale ab 400 n. Chr.:

Mit den Einflüssen aus dem Orient entsteht eine geschwungene Buchschrift. Aus den Geraden der römischen Capitalis und Rustika werden Rundungen.

Beispiel der christlichen Unizale
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ab 400 n. Chr.: Halbunizale

Die römische Kursive wandelt sich zur Halbunizale. Die ausgeprägten Ober- und Unterlängen haben den Charakter einer Minuskelschrift.

Beispiel der christlichen Halbunizale
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Nationalschriften

Mit der Ausbreitung des Christentums erlangt die Halbunizale einen hohen Verwendungsgrad. In vielen Regionen ändert sich mit der Zeit ihre Schreibweise. So entstehen viele verschiedene Schriften, die sich teils auch wieder verbreiten.

7. Jh.: Irische Halbunizale

Die irische Halbunizale zeichnet sich durch die dreieckigen scharfkantigen Köpfe an allen Oberlängen aus.

Beispiel der irischen Unizale

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7. Jh.: Merowinigische Buchschrift

Die aus Franken stammende merowinigische Buchschrift mit hohem und engem Schriftbild und breitem Zeilenabstand.

Beispiel der merowingischen Buchschrift
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9. Jh.: Langobardische Schrift

Aus Übergangsformen der römischen Halbunizale, der Kursive und der irischen Halbunizale entwickelt sich die Langobardische Schrift.

Beispiel der langobardischen Schrift
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9. Jh.: Beneventana

Die Beneventana hat eine starke Tendenz zur eckigen Form der Buchstaben.

Beispiel der Beneventana
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Schriften der Romanik und Gotik 800 n. Chr.

ab 800: Karolinigsche Minuskel

Eine Schreibreform der Karolinger setzt die Karolinigsche Minuskel als allgemein verbindliche Schrift fest. In ihr sind fast alle Kleinbuchstaben des heutigen Alphabets durchgebildet. Die Karolingische Minuskel wurde von Abt Alkuin von York (732 - 804) entwickelt.

Beispiel der karolingischen Minuskel
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Gebrochene Schriften

ab 11 Jh.: Gotische Minuskel

Die Gotische Minuskel verbreitet sich im Abendland. Die Buchstaben werden strenger und spitzer.

Beispiel der gotischen Minuskel
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Bastarda

Als Mischung zwischen Buch- und Kursivschrift wird häufig die Bastarda verwendet. Sie tritt in äußerst vielen Varianten auf. Das hängt wohl auch mit der zunehmenden Schreib- und Lesefähigkeit bei den Laien und mit einer zunehmenden Individualisierung der Schrift zusammen.

Beispiel der Bastarda

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14. Jh.: Textur(a)

Gotische Buchschrift für liturgische Texte. Die Bezeichnung »Textura« geht auf das 12. Jh. zurück, ihre Erscheinung ist vertikal orientiert.

Beispiel der Textur oder auch Textura genannt
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14. Jh.: Rotunda

In Bologna (Italien) – durch die Ablehnung des Gotischen Stiles – entstandene »pseudo-gotische« Buchschrift, welche nur leichte Brechungen in den Rundungen der Buchstaben aufweist und leichter schreib- und lesbar war. Sie nimmt formal eine Mittelstellung zwischen der Romanik und der Gotik ein.

Beispiel der Rotunda
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15. Jh.: Schwabacher Fraktur

Aus der Bastarda entwickelt sich in der kaiserlichen Kanzlei die Fraktur. Während in den lateinischen Ländern die Schriftform zur Antiqua durchgeführt wurde, verwendete man in Deutschland die Gotisch längere Zeit weiter und entwickelte sie dann zur Fraktur. Sie wurde im Auftrag Maximilians I. als Schriftart in den Buchdruck eingeführt.

Beispiel für die Schwabacher Fraktur
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Der Buchdruck mit beweglichen Lettern wird um 1440 von Johann Gutenberg erfunden. Er verdrängt mit der Zeit die Abschrift.

Externer Link zu den gebrochenen Schriften:
¶ »Schrift als Politikum – Drei Beispiele« von Bernhard Schnelle

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Arabische Ziffern

Ab dem 13. Jh. sind die ersten arabischen Ziffern im katholischen Europa nachweisbar. Das römische Zahlensystem wird langsam durch das Arabische ersetzt.

Beispiel der arabischen Ziffern
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Humanismus

Zahlreiche altlateinische Texte sind aus Abschriften karolingischer Scriptorien, die in der karolingischen Minuskel geschrieben waren, überliefert worden. In der Renaissance ging man davon aus, daß diese Abschriften die ursprüngliche Schrift der Antike war. Aus dieser irreführenden Annahme entstand der heute noch gebräuchliche Name Antiqua.

Die Antiqua entstand als Schriftart der italienischen Renaissance; Vorbild für die Großbuchstaben war das Alphabet der Antike, Vorbild für die Kleinbuchstaben die karolingische Minuskel.

Humanistische Minuskel

Die Renaissanceschrift des 15. Jhd. ist die humanistische Minuskel. Sie entstand aus dem Interesse für die Welt der Antike. Die Humanisten nahmen sich die karolingischen Schriften zum Vorbild.

Beispiel der Humanistischen Minuskel

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Der Humanismus förderte die Verbreitung der Antiqua und bewirkte in Süd- und Westeuropa den Rückgang der gotischen Schriften. Diese konnte sich jedoch in Mittel-, Ost- und Nordeuropa in den Formen der Schwabacher und der Fraktur erhalten.

Die Antiqua

In der Antiquatype, welche – nach Gutenberg – nunmehr gedruckt wird, ist der Duktus des Schreibens beibehalten worden. Sie besitzt über einige Besonderheiten, welche durch das Stechen der Buchstaben entstehen (Serifen und Haarstriche sind feiner ausgearbeitet) hinaus ein nicht zu verachtendes Novum: Sie bildet die ERSTE Schrift, welche aus zwei Alphabeten besteht. Alle Schriften vorher bestanden entweder aus reinen Versal- oder Minuskelalphabeten (von Zier-Versalien früherer Schriften einmal abgesehen).

Das Versal-Alphabet wurde von der römischen Capitalis übernommen, das Minuskelalphabet entstammt der humanistischen Minuskel. Der hierdurch entstandene Dualismus der Formsprache stellt seither für die Schriftentwicklung ein großes Problem dar.

 

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Quellen:

¶ »Konnte Adam schreiben«,
Gustav Barthel, Verlag M. DuMont, 1972

¶ »Bruckmann's Handbuch der Schrift«,
Stiebner, Erhardt D; Bruckmann Verlag 1985

¶ »Schriftkunst«,
Albert Kapr, Verlag der Kunst, 1981

¶ »Die Entwicklung der lateinischen Schrift«,
André Gürtler, Bildungsverband Schweizerischer Buchdrucker, St. Gallen 1969,

¶ »Universalgeschichte der Schrift«,
Harald Haarmann, Campus Verlag, 2. Auflage 1991

@ Wolfgang Beinert, Typolexikon.de, München.2005

@ www.adfontes.de / 18.01.2005

@ www.geigerzähler.de / 18.01.2005

@ www.photozauber.de / 18.01.2005

@ www.schreibereien.de/schriftgeschichte.0.html / 18.01.2005

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Lektüre zum Thema

¶ Barthel, Gustav: »Konnte Adam schreiben – Weltgeschichte der Schrift«
DuMont Reiseverlag, Ostfildern (Dezember 1984); ISBN: 3770102177 (Dieses Buch ist noch nicht in unserem Lektüre-Archiv eingetragen)
¶ Stiebner, Erhardt D. : »Bruckmanns Handbuch der Schrift«
Verlag: Stiebner; Auflage: 4., aktualis. u. neugest. Aufl. (Januar 1992); ISBN: 3830712308 (Dieses Buch ist noch nicht in unserem Lektüre-Archiv eingetragen)


Interne Links

¶ Die Tkb-Timeline !!!
Alles im Überblick: Von den ersten Höhlenritzungen bis hin zu zeitgenössischen Schriftentwürfen.


Externe Links

¶ Bernhard Schnelle, Braunschweig
¶ www.schreibereien.de
¶ www.adfontes.unizh.ch
¶ www.typolexikon.de
¶ Luc Devroye, School of Computer Science